In Leipzig wollen vier Anwohner den Bau eines jüdischen Begegnungshauses verhindern

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Es kommt selten vor, dass ein evangelischer Pfarrer einen Gemeindebrief schreibt und die Presse sofort Meldungen daraus macht. Eine Ausnahme ist der Brief, den Pfarrer Christian Wolff von der Leipziger Thomaskirche am 24. Januar schrieb. Darin warf der Pfarrer einigen Bewohnern des Leipziger Waldstraßenviertels, die gegen den Bau eines jüdischen Begegnungszentrums klagen, vor, sie bewegten sich mit ihren Einsprüchen "in einer trüben Tradition des Antisemitismus". Und dass es skandalös sei zu argumentieren, die jüdische Gemeinde sei ein Sicherheitsrisiko, rieb er ihnen unter die Nase. Aufgebracht war der Pfarrer und schimpfte, die Wohnqualität des Viertels leide ja wohl nicht unter dem geplanten Begegnungszentrum, sondern darunter, dass die Rückkehr jüdischen Lebens verhindert werden solle. Wolff forderte die Anwohner auf, ihre Klage vor dem Verwaltungsgericht zurückzuziehen, aber vergeblich.
Die Klagen, genau gesagt vier, gegen die Stadt Leipzig gibt es tatsächlich. Außerdem ein Eilverfahren, bestätigt Verwaltungsrichter Dirk Tolkmitt. Alles ist darauf gerichtet, den Bau der jüdischen Begegnungsstätte in der Hinrichsenstraße 14 zu verhindern. Ende Februar/Anfang März will das Gericht über den Eilantrag befinden. Vier Nachbarn haben Widerstand angemeldet: Man hat Angst vor Terroranschlägen wie in Israel, man fürchtet Parkplatzknappheit. Man hat Angst, die eigenen Häuser und Grundstücke könnten an Wert verlieren. Man bringt baurechtliche Argumente ins Feld: Unter dem Haus sei ein alter Graben gewesen, trägt der unsichere Grund überhaupt einen Erweiterungsbau? Angeblich ist eine Pappel gefährdet. Alles Mögliche wird gegen den Bau ins Feld geführt.

"Bauliche Mängel? Darum geht es doch gar nicht", schimpft Pfarrer Wolff. "Es geht darum, die Einrichtung als solche zu verhindern." Bausachen hätten allemal außergerichtlich geklärt werden können.

Gestapo im jüdischen Altenheim
Es geht um Haus und Grundstück Hinrichsenstraße 14. Die Straße trägt den Namen von Henri Hinrichsen, einem Juden, Verleger, Ehrendoktor der Leipziger Uni, Stifter und Stadtverordneten, ermordet 1942 in Auschwitz. Das Waldstraßenviertel unweit des Zoos, im Krieg unzerstört, war und ist eine feine Wohngegend. Elegante Gründerzeithäuser, die meisten seit 1990 aufwendig renoviert. Kopfsteinpflaster, Kanzleien, Büros. Bis 1933 lebte hier ein Drittel der 15 000 Leipziger Juden, und die Hinrichsenstraße 14 beherbergte die Ariowitsch-Stiftung, ein jüdisches Altenheim, benannt nach dem russischen Einwanderer Julius Ariowitsch, einem Pelzhändler, der, 1877 nach Leipzig gekommen, das Heim gespendet hatte.

1939 machten die Nazis das Gebäude zum so genannten Judenhaus, 1942 ging der erste Deportationszug nach Riga, die Gestapo zog in das Ariowitsch-Haus. 1945 sollen in Leipzig noch 15 Juden gelebt haben. Das Haus wurde für lange Zeit ein allgemeines DDR-Altenheim. Nach 1990 bekam die jüdische Gemeinde es zurück. Seit 1996 steht das graue Haus mit den wuchtigen Erkern, den ausgeblichenen Fensterläden und der goldenen Inschrift "Ariowitsch-Stiftung" über dem Eingang leer. Staubige Gardinen hängen an den Fenstern, im Vorgarten sammelt sich Sperrmüll. Ein großes Schild verrät, dass der Freistaat Sachsen und die Stadt Leipzig den Bau eines "Begegnungszentrums der israelitischen Religionsgemeinde" fördern. Das Schild ist der einzige Ausdruck von Bautätigkeit.

Seit 1995 gibt es Pläne für ein Begegnungszentrum. Die israelitische Gemeinde ist dank jüdischer Zuwanderer aus den Staaten der früheren Sowjetunion wieder auf etwa 1000 Menschen gewachsen und braucht neue Räume. Leipzigs Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee (SPD) unterstützt das Projekt: "Die Bürgerschaft Leipzigs hat eine Bringschuld gegenüber ihren jüdischen Mitbürgern. Denn in der Nazizeit haben auch Leipziger weggeschaut, wenn Juden verfolgt wurden." Das Rathaus hat den Bau längst genehmigt. Am 8. Oktober 2002 sollte Grundsteinlegung sein. Doch die Feier fiel aus, Nachbarn hatten Widerspruch eingelegt. Eine kleine Hand voll Nachbarn, angeblich Anwälte, ein Notar, westdeutsche Hausbesitzer - so ist zu hören. Was deren Klage eigentlich soll, ist nicht wirklich erkennbar. "Ich weiß nicht, welche Beweggründe dahinter stecken", sagt die Sprecherin des Oberbürgermeisters.

Die Vertreter der Kläger schweigen
Die Rechtsbeistände der Kläger tragen auch nicht viel zur Aufhellung bei. "Dazu dürfen wir keine Angaben machen", teilt eine Leipziger Kanzlei mit. "Keine Auskunft", sagt ein anderer Anwalt. Nur so viel und unter der Hand: Mit antijüdischen Dingen habe die Klage nichts zu tun. Sein Mandant aus Westdeutschland habe selbst jüdische Freunde. Es gehe um Baurecht, und natürlich gebe es gewisse Sicherheitsbedenken.

"So ein Quatsch", sagt Susanne Michaelis. Die 41-jährige Linguistin wohnt im Waldstraßenviertel und würde sich freuen, gäbe es bald das jüdische Begegnungszentrum. "Sicherheitsbedenken - wenn ich das schon höre", sagt Pfarrer Wolff. Und fügt bitter an: "Juden galten immer als ein Sicherheitsrisiko."


VON BERNHARD HONNIGFORT (LEIPZIG), Frankfurter Rundschau online 2004, 18.02.2004 // Published at 18.02.2004 - 16:11:28

 


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