Deutsche Forderungen gegenüber Polen

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Vor nicht ganz 60 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Dieser totale Krieg ließ niemanden unberührt zurück. Einer meiner Großväter war bei den Kämpfen dabei, 1939 wurde er gefangen genommen und in ein Kriegsgefangenenlager gebracht. Mein zweiter Großvater war Partisan und kämpfte im Untergrund. Und die beiden waren bei weitem nicht die einzigen, die ihr Leben riskierten. Auch deren Frauen begaben sich in Gefahr, sei es auch nur, um ein Stück Brot oder Fleisch zu ergattern. Auch meine Eltern, die damals noch Kinder waren, nahmen die traumatischen Erfahrungen des Krieges mit ins Leben. Dennoch ist all dies für mich und meine Generation nichts weiter als ein Stück Geschichte. Klopft nun aber eben diese Geschichte an die Tür derer, die lange nach dem Krieg zur Welt gekommen sind?
Vom polnischen Standpunkt aus sind die Aktivitäten des Bundes der Vertriebenen und der Preußischen Treuhand lediglich Versuche, den Lauf der Geschichte zu negieren. Schließlich hat kein Deutscher Gebiete östlich von Oder und Neiße verloren, weil Polen ihn etwa angegriffen hätten. Das war einzig und allein Folge des Krieges, der vom Dritten Reich ausging. Die Vertriebenen aber verstehen ihre schmerzvollen Erfahrungen nicht als Bestandteil der Strafe, die Deutschland nach Kriegsende von der internationalen Gemeinschaft auferlegt worden war. Sie betrachten sich als Opfer, für deren Leid die Nachbarn im Osten verantwortlich zeichnen und nicht etwa das Naziregime. Folgt man dieser Argumentation, könnte man den Eindruck gewinnen, dass es die Polen und Tschechen waren, die 1945 den Zweiten Weltkrieg begannen.

Sowohl die unterdessen öffentlich gewordenen Entschädigungsbeträge für von Polen übernommenes deutsches Eigentum als auch die Idee, ein deutsches Zentrum für Vertriebene in Berlin aufzubauen sowie die Begehrlichkeiten der Preußischen Treuhand haben die polnisch-deutschen Beziehungen gefrieren lassen. Weil der Antrag zu Kriegswiedergutmachungen das polnische Parlament passierte, nutzen antideutsche politische Gruppen dies nun, um eine neue Form polnisch-deutscher Beziehungen zu schaffen: Der Preußischen Treuhand wurde eine polnische Treuhand entgegengesetzt, dem Berliner Vertriebenenprojekt wurde eine Opfergemeinschaft polnischer Vertriebener gegenübergestellt, die wiederum die Forderungen der Polen unterstützt, die während des Krieges aus Deutschland ausgewiesen worden waren. Die Verantwortlichen in Warschau haben begonnen, Kriegsverluste aufzurechnen, diverse polnische Städte folgen nach.

In Deutschland wird die polnische Reaktion als übertrieben abgetan. Vorsichtige Widerannäherung gab es bislang nur von polnischer Seite und nur die Vertreter politisch weniger wichtiger Gruppen bemühen sich, die bilateralen Beziehungen aufrecht zu erhalten. In der Zeit des Gedenkens an den Warschauer Aufstand sicherte Kanzler Gerhard Schröder Polen feierlich zu, dass Deutschland keine Wiedergutmachungsforderungen aufmachen würde. Zur selben Zeit aber versandte das ihm untergeordnete Ministerium Briefe an diejenigen Polen, die das Land im Rahmen des Programms zur „Familienwiedervereinigung" gen Deutschland verlassen hatten, und fordert sie darin auf, ihre Widergutmachungsansprüche an die polnische Regierung zu richten.

Es wird mit Sicherheit nicht leicht sein, einen gangbaren Weg aus der gegenwärtigen Situation zu finden. Dennoch muss eine Lösung gefunden werden. In Deutschland muss jeder verstehen, dass die Rückgabebemühungen zu nichts führen können. Von 1939 bis 1945 wurden Hunderttausende Polen aus Silesia, Pommern, Wielkpolska und Mazowsze ausgewiesen - diese Gebiete wurden direkt ins Deutsche Reich integriert. Die gegenwärtige Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen wurde auf polnischem Boden, in Rumia, geboren. 1942 begannen die Ausweisungen in der Region von Zamojsc. Dort, auf einem Bauernhof, den ein polnischer Landwirt aufgeben musste, wurde der gegenwärtige deutsche Bundespräsident geboren! 1944, nach Niederschlagung des Warschauer Aufstandes wurde die Stadt in Schutt und Asche gelegt. Insgesamt brannten die Deutschen rund 1200 polnische Dörfer und Städte nieder, mehrere Millionen Menschen wurden ermordet. Wollte man den Deutschen alle polnischen Verluste in Rechnung stellen, müsste wohl ganz Ostdeutschland dafür hergegeben werden...

Nach dem Zusammenrücken Europas aber sollte die Frage von Wiedergutmachungen endgültig vom Tisch sein. Dafür sind bestimmte Schritte unabdingbar. So muss die provozierende Aussage seitens des Bundesverfassungsgerichtes, dass die Ausweisungen sowie die Beschlagnahme deutschen Eigentums gesetzeswidrig waren, revidiert werden. Ein für alle Mal muss man sich davon verabschieden, die Schuldfrage zum Zweiten Weltkrieg zu relativieren, so wie es mit der Einrichtung des Berliner Vertriebenenzentrums versucht wird.

Unser Gastautor Piotr Palys ist Archivar in der Verwaltung der Wojewodschaft Opole und interessiert sich als Historiker besonders für aktuelle politische Angelegenheiten


pvl 09-10/2004 - Eine Betrachtung von Piotr Palys // Published at 02.11.2004 - 22:53:08

 


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