Mit dumpfem Trott zum braunen Haus

Diese Website existiert in dieser Form nicht mehr. Relevante Infos befinden sich jetzt auf KRASS-OST.blog.com



Stefan Latzel (Leder-Jacke), daneben die sog. "Autonomen Nationalisten"
Als die Demo der NPD-Jugend am Sonntag um 11.30 Uhr am Südausgang beginnt, steht als Termin immer noch „10 Uhr Bahnhofsvorplatz“ auf Internet-Seiten der „Jungen Nationaldemokraten“ (JN). Verwirrt hastet ein Grüppchen zwischen beiden Görlitzer Bahnhofsenden hin und her. Andere schlendern betont langsam zum Treff. Die deutsche Tugend Pünktlichkeit scheint zumindest einigen Rechten unbekannt.
Polizei demonstriert Stärke
Es ist ein kleines Häuflein brauner Extremisten, das sich für die Forderung nach Grenzen von 1937 zusammenballt. Rund 80 Jugendliche zählt die Polizei, die mit gut doppelt so viel Beamten den Marsch begrünt. Noch am Vortag hatte irgendein geheimer Beobachter mindestens 200 JN-Anhänger hochgerechnet und damit wohl für eine starke Präsenz des Steuergeldverbrauchs gesorgt. Dabei nehmen sogar die tatsächlichen Marschierer schnell ab. Gegen 12 Uhr verlassen Gastextremisten aus Berlin den Zug auf Nimmerwiedersehen: „Ist ja nichts los hier“. Die deutsche Tugend Disziplin scheint zumindest einigen Rechten unbekannt.

Eiferer am Mikrofon
Es stimmt natürlich, dass „nichts los“ ist. Man darf nicht trommeln, muss schwarze Fahnen abgeben und zehn Minuten lang unter Glockenklang von St. Jakobus Verhaltensregeln pauken. Auf Sattigstraße, Kahlbaumallee und Schützenweg bleiben die Rechten unter sich. Es gibt kaum Passanten, wenige die stehen bleiben und niemanden, der mit den Demonstranten ins Gespräch kommt. Wenn NPD-Kreisvorsitzender Jürgen Krumpholz später an der Altstadtbrücke ins Mikrofon eifert, wie viele ihm „während des Marsches Anerkennung“ gezollt hätten, ist das genau so eine Lüge wie das Schulmädchen, das ins Handy wispert: „Nein, Mutti, keine Angst, wir wollen in Görlitz nur shoppen, hier sind doch heute die Läden auf.“ Die deutsche Tugend Ehrlichkeit scheint zumindest einigen Rechten unbekannt.

Marsch verliert Anhänger
An der Altstadtbrücke sind den jugendlichen Rechts-Historikern die nächsten zehn Mitläufer abhanden gekommen. Von der Ochsenbastei aus kann man leicht durchzählen, was sich da am Neißeufer in den Dauerregen stellt. Exakt 61 sind es noch. Hier aber tönt ihnen Widerstand entgegen. Die Gegendemo aus der Innenstadt hat sich zur Konfrontation entschlossen und blickt von der Brücke aus mit Verachtung auf die Außenseiter am Lautsprecherwagen. Die blicken ebenso verächtlich zurück. Jürgen Krumpholz überschlägt sich mit Versatzstücken aus Politikerzitaten aller Coleur, um ein neues Großdeutschland zu beschwafeln. Er nennt es „geschichtliche Aufklärung“ und befiehlt der SZ, fair zu berichten. Ein gewisser Mario in der Masse dagegen raunzt die Pressevertreter an: „Kriegt ihr bei guter Hetze Extraurlaub vom Zentralrat der SED?“ Da will man 70 Jahre alte Grenzen beschwören und weiß nicht einmal, wie manch Organ vor 20 Jahren hieß. Die deutsche Tugend Bildung scheint zumindest einigen Rechten unbekannt.

Über den Postplatz und die Berliner Straße geht es gen Bahnhof. Gerangel herrscht lediglich an der Hospitalstraße, wo zwei Dutzend autonome Linksextremisten skandieren. Die im Gegensatz zu den diesmal brav kostümierten Rechten ziemlich abenteuerlich gewandeten Linksaußen liefern sich kleine Scharmützel mit der Polizei, feilschen um jeden zurückgedrängten Meter und diskutieren endlos über ihre freien Bürgerrechte.

Derweil zieht die braune Karawane weiter. Manche haben ein Ziel vor den Augen: „Ich brauch jetzt einen großen Döner“, sagt einer. Hatte der Junge nicht gerade erst was von „Ausländer raus“ gerufen? Die deutsche Tugend Beständigkeit scheint zumindest einigen Rechten unbekannt.

Jämmerlicher Abschluss
Um 13.50 Uhr beginnt die große fünfminütige Abschlusskundgebung. Knapp 50 Mann hören kaum noch zu. Schlapp lädt Jürgen Krumpholz den harten Kern „ins braune Haus zum Oktoberfest“ ein. Der JN-Zugführer prophezeit trotzig weitere Demos: „Diese Stadt kann sich noch frisch machen!“

Am frischesten freilich wäre es, sie blieben künftig daheim im braunen Kämmerlein. Zumindest die deutsche Tugend Sauberkeit wäre ihnen dann bekannt.


Sächsische Zeitung, Dienstag, 4. Oktober 2005, Von Ralph Schermann // Published at 03.10.2005 - 21:56:51

 


Jetzt auch für eure Homepage - RSS Newsfeeds... HOWTO